08.04.2009

DEMENZ – Die Diagnose ohne Hoffnung

Keiner hat sich getraut, die Diagnose ohne Hoffnung zu stellen, das Tabu aus sechs Lettern klar zu benennen:

DEMENZ, die Krankheit, derer man sich noch immer schämt, erst recht, wenn — wie bei meinem Vater — zur vaskulären Demenz, verursacht durch eine Vielzahl kleiner unbemerkter Schlaganfälle, auch noch ein Anteil Alzheimer kommt. Alzheimer — das Stigma schlechthin. Winzige Protein-Ablagerungen, die den Verstand auslöschen, die Zerstörung des Gehirns unaufhaltsam vorantreiben, den Verlust von Erinnerung und Sprache. Am Ende: Entortung, die unfreiwillige Rückkehr ins Stadium eines Kleinkinds. Das Alters-Siechtum, vor dem die Götter in Weiß kapitulieren. Das schleichende Sterben, das nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts rund eine Million Deutsche ereilt. Die durchschnittliche Krankheits-Dauer, heißt es da, beträgt vom Beginn der Symptome bis zum Tod 4,7 bis 8,1 Jahre. Das ist nicht eben präzise — aber eindeutig doch: Der Weg führt beharrlich nach unten. Es gibt keine Chance der Heilung.

Doch die Aura der Prominenz, die vielen persönlichen Gespräche mit dem Patienten, all die in Dankbarkeit gewidmeten Bücher, die seit Jahren die Regale von vielen der behandelnden Ärzte schmücken, scheinen im Fall meines Vaters den professionellen Blick der Mediziner zu vernebeln. Sie bagatellisieren, verbreiten noch immer Optimismus. Wird schon wieder! Mag sein, mancher ist auch einfach nur feige. Über die Demenz einer Geistesgröße lässt sich tuscheln, freimütig reden offensichtlich nicht.

Selbst Karl-Josef Kuschels sonst so genaues Portrait aus dem Jahr 2008 Walter Jens — Literat und Protestant, das Werk eines mutigen Theologen, macht einen weiten Bogen um die Krankheit, die meinem Vater die Sprache nahm. Ein Genie mag taub werden wie Beethoven, dem Wahnsinn verfallen wie Strindberg, den Freitod wählen wie Hemingway, Celan oder Pavese — vertrotteln aber darf das Genie nicht.

Walter Jens, der unbequeme Denker aus Tübingen, der Redner der Republik, als stammelndes Menschenkind mit dem Babyphon am Bett, da hüllt man sich lieber in Schweigen, als ob dieses letzte Kapitel eines langen, reichen und wortreich geführten Lebens ehrenrührig wäre, eine Schande, die es unter den Teppich zu kehren gilt.

Kommentare

  • Holger Carlson 18. August 2011

    Ich habe erst heute das Buch über die Demenz von Walter Jens gelesen. Auch ich habe aus frühester Jugend her gelernt, Teile meiner Biographie zu „vergessen“, als Jahrgang 1944 ging es aber nicht um Fragen des dritten Reiches.
    Was ich in diesem Buch nicht verstehe, ist die sich ständig wiederholende Auseinandersetzung mit der Frage, war Walter Jens als 20 Jähriger in die NSDAP eingetreten oder nicht. Ich dachte hier ginge es um die Frage des Abschiedes von einem Mann, der Vater, Ehemann und Freund war. Wie zeigte sich der Verfall, wann war klar ,dass Verleugnen nicht weiter hilft und wie schafft man nach so langer Ehe diesen Abschied ohne Sterben.
    Auch wenn ich nicht von einer Abrechnung schreiben will, so fiel es mir doch unangenehm auf, dass die Demenz – in meiner Wahrnehmung – immer nur im Zusammenhang mit der möglichen Verleugnung einer nie recht nachgewiesenen NSDAP Vergangenheit nahezu kampfhaft in Verbindung gebracht werden sollte..
    Trauerarbeit über den unwiderbringlichen Verlust einer Persönlichkeit im Hier und Jetzt wäre Stoff genug gewesen und hätte der unnützen Auseinandersetzung mit einem physich Dahinscheidenden dafür nicht bedarft.

  • Erik Kiwitter 25. September 2010

    Es ist schwachsinnig darueber zu diskutieren, ob es in Ordnung war, ein solches Buch zu schreiben oder nicht. Das Buch ist nun einmal da. Davon abgesehen hat Tilman Jens seinen Vater weder diffamiert noch bloßgestellt. Zweckmaessiger ist es doch, sich mit den Aussagen des Buches zu befassen. Mich hat es als 45jaehrigen Mann, der hoffentlich noch weit entfernt ist von diesen Tuecken des Alters, sehr betroffen. Im Endeffekt zeigt uns das Buch, wie schwach wir doch eigentlich alle sind. Ohne Ausnahme.

  • hanns schneider 22. September 2009

    Über intime Dinge einer lebenden Person zu schreiben ist nur erlaubt, wenn diese zuvor ihre Zustimmung gegeben hat. Da dies bei einem Demenzkranken in der Regel nicht möglich ist, gibt es nur eine seriöse Schlussfolgerung: kein Buch!

  • hanns schneider 22. September 2009

    Nach meiner Meinung darf man über eine andere lebende Person nur schreiben, wenn man deren Zustimmung hat. Da das nach Eintreten der Demenz-Krankheit in der Regel nicht mehr möglich ist, ist daraus die einzig mögliche Schlussfolgerung zu ziehen: kein Buch!

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